Seit 1. Mai 2015 bin ich in den Stadtbetrieben Steyr tätig. Als Frischling mit zarten 48 Jahren, wagte ich den Umstieg von einer Lastkraftwagenfahrerin im internationalen Verkehr- zur Autobuslenkerin im Stadtlinienverkehr. 

Die Kollegen machten mir den Anfang in der neuen Berufssparte leicht. Sie nahmen mich auf, wie Eine der Ihren. Die Männer lehrten mich nicht nur den richtigen Umgang mit den verschiedenen Bussen, sondern auch Ruhe zu bewahren, wenn ein Verkehrshindernis im Weg oder ich im Stau stand. 

Eigentlich war der Umstieg von einem 40 Tonner Lastwagen, auf den Omnibus einfach. Die Fahrt an sich mit dem ungewohnten Fahrzeug, in welchem der Chauffeur sehr viel tiefer sitzt, als in einem Lkw war nicht die Schwierigkeit, doch die richtige Anfahrt in die Bushaltestelle, musste ich erst erlernen. 

Die Fahrgäste nahmen es mir nicht übel, dass der Autobus (gerade in der Anfangszeit) nicht korrekt an der Haltestelle stand, denn sie kannten mich aus der Zeit, als ich noch Fernfahrerin war. Sie wussten, dass ich mit schwerem Gerät fahren konnte. Nicht nur einmal verfuhr sich ein fremder Lkw-Fahrer in unserem Stadtteil, konnte oder wusste nicht weiter. Ich selbst musste einmal in einem Großunternehmen in unserem Stadtteil entladen und deshalb weiß ich, dass die damalige Lieferadresse falsch angegeben war. Auch die Einheimischen konnten oft nicht helfen und so kam es, wie es kommen musste. Der Lastwagenfahrer hatte Zeitdruck, fuhr in das Wohngebiet um die Firma zu suchen und konnte in den engen und verparkten Straßen nicht mehr weiter. Sofern ich meine wöchentliche Ruhezeit zu Hause verbrachte, wurde ich des Öfteren um Hilfe gebeten und natürlich half ich. 

Der Bekanntheitsgrad stieg um ein vielfaches, als ich meine Autobiografie "Die Frau im Truck - 60 Kilo auf 40 Tonnen" auf den Markt brachte und einige Lesungen hielt. Nachdem ich in den Stadtbetrieben Steyr, als erste Frau meinen Dienst als Busfahrerin antrat, wurde der örtliche Regionalsender RTV auf mich aufmerksam. Ein Kamerateam wurde geordert und drehte einen Kurzfilm über mich und meine neue Arbeit.

Bitte auf YouTube klicken

Inzwischen sind fast 5 Jahre vergangen. Ich habe mich eingelebt und fühle mich in den Stadtbetrieben Steyr zu Hause angekommen. Nichts hat sich an der vorbildlichen Firmenphilosophie geändert und die Kollegialität unter den Fahrern/innen erstaunt mich heute noch genauso, wie im Jahr 2015.

Nur eines hat sich grundlegend verändert

Der Verkehr wurde mehr und der Begriff

"Friends on the road"

Freunde auf der Straße

gerät immer mehr von den Verkehrsteilnehmern in Vergessenheit. 

 

Als ich 1994 meinen Job als Fernfahrerin antrat, lehrten mich die Kollegen und Firmenchefs, niemals einen anderen auf der Straße zurück zu lassen. Gerade in der ersten Zeit wurde mir von vielen fremden Menschen und Kollegen geholfen, bis ich irgendwann mein 40 Tonnen schweres Fahrzeug zur Not selbst reparieren konnte. Auch ich hielt mich an die goldene Regel, anderen Verkehrsteilnehmern zu helfen, soweit ich es konnte. Damalig war es auch noch üblich, sich nicht nur untereinander, sondern auch Bus, Pkw- oder Motorradfahrern behilflich zu sein, die in Not geraten waren. Der Begriff "Friends on the road" war nicht nur eine Phrase und gerade deshalb, war ich immer stolz darauf, eine Lastwagenfahrerin gewesen sein zu dürfen. 

Wir hatten auch Respekt gegenüber anderen Fahrzeuglenkern. Wenn ein Autobuslenker in einer Seitenstraße stand und darauf wartete, ausfahren zu können, verringerten wir unsere Geschwindigkeit, gaben dem Fahrer ein Zeichen mit der Lichthupe und er konnte gefahrlos die Kreuzung queren, sofern sich der Gegenverkehr genauso verhielt.

1985 absolvierte ich den Führerschein für den Pkw und da hatte ich gelernt, dass lt. Straßenverkehrsordnung (StVO) der Autobuslenker im Stadtlinienverkehr das Recht hatte, aus der Bushaltestelle auszufahren, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Bis heute hat sich nichts daran geändert. Wenn ich das Blinken des Omnibusses rechtzeitig sah, verringerte ich wieder meine Geschwindigkeit, sei es jetzt mit dem Pkw oder meinem 40 Tonner und ließ ihn ungehindert ausfahren. Wohl bedenkend, dass Schulkinder, Pensionisten, Arbeiter, usw.. in diesem Bus saßen, die rechtzeitig und vor allem sicher zur Schule, zu ihrer Arbeit oder zu einem anderwertigen Termin erscheinen mussten.

Auch bei einer Querung an einer geregelten Kreuzung mit Ampelführung ist darauf zu achten, keine anderen Verkehrsteilnehmer zu gefährden oder ein unnötiges abbremsen des Gegenverkehrs zu erzwingen. In der Fahrschule wurde uns allen beigebracht, wenn die Ampel von grün auf orange springt, die Geschwindigkeit zu reduzieren um rechtzeitig anhalten zu können, wenn das Lichtzeichen rot anzeigt.

Aus meiner langjährigen Erfahrung mit einem Schwerlastfahrzeug weiß ich, wie die Fliehkraft auf die Ladung und natürlich auch auf die Fahrgäste wirkt, wenn der Lenker eines solchen Fahrzeuges  zum abruptem abbremsen genötigt wird. Ich denke, jedem Fahrzeughalter ist es schon einmal passiert, dass eine Vollbremsung aufgrund einer unvorhergesehenen Verkehrssituation eingeleitet werden musste und dadurch z.B: der Einkauf oder die Handtasche nicht mehr an seinem ursprünglichen Platz geblieben war. Genauso verhält es sich mit der Ladung eines Lastwagens oder mit den Menschen im Autobus. Unvorbereitet werden speziell die Hilflosen wie ältere Personen, Kinder und Behinderte durch den Fahrgastinnenraum geschleudert. Selten gibt es eine Vollbremsung ohne Verletzte. Oft ist es dem anderen Verkehrsteilnehmer nicht einmal bewusst, was gerade in diesem Augenblick passiert und fährt ohne weiter darüber nachzudenken davon. 

Die letzten Jahre machte man es sich zum Volkssport (obwohl ein Zebrastreifen gekennzeichnet und meist an dieser Stelle eine Sperrlinie vorhanden ist) am haltenden Bus vorbei zu fahren. Wohlbedenkend, dass vielleicht gerade in diesem verbotenen und gefährlichen Augenblick, das eigene Kind aus dem Autobus steigt und über die Straße gehen will.

Aber nicht nur der Autofahrer kann so eine gefährliche Situation auslösen. Spaziergänger oder Sportler, die ohne sich umzusehen, über die Straße bzw. den Zebrastreifen laufen. Mein eigenes Leben war mir immer sehr wichtig, und deshalb überquere ich erst dann die Fahrbahn, wenn ich sicher bin, von jedem Verkehrsteilnehmer wahrgenommen worden zu sein.

Radfahrer, ohne ausreichende Beleuchtung, die erst im letzten Moment bemerkt werden. Handzeichen und Blinken halte ich persönlich für sehr wichtig, damit jeder Fußgeher oder Lenker weiß, wo die Fahrt hingeht und kein unnötiger Unfall wegen dem fehlenden Zeichen verursacht wird.

Diese und noch viele andere Verkehrssituationen können eine massive Verspätung auslösen, aber dennoch:

Die wichtigste Regel der Personenbeförderung ist, die Fahrgäste sicher von A nach B zu bringen.

Den perfekten Ausgleich zur Arbeit fand ich beim Wandern. Nie hätte ich gedacht, dass ich innerhalb eines Jahres über 70 Wanderungen gehen würde. Meine Zwillingsschwester Gabi versuchte mich seit Jahren, auf den Berg zu bringen, jedoch ohne Erfolg. Erst Ende 2018 ließ ich mich dazu überreden, mit ihr den Schoberstein zu begehen. Diesen Marsch auf 1278 Meter Seehöhe werde ich nie vergessen. Als Raucher benötigte ich mehr als die doppelte Zeit, um alle paar Meter Luft holen zu können. Trotzdem wartete Gabi geduldig und gerade deshalb wollte ich sie nicht enttäuschen und aufgeben, obwohl der steile Anstieg mir stark zu schaffen machte. 

Am Schobersteinhaus angekommen, stärkten wir uns mit einer warmen Suppe und marschierten anschließend die letzten paar Meter zum Gipfel. Die Aussicht war atemberaubend und das Glücksgefühl, welches mich in diesem besonderen Augenblick ergriff, während ich in die dichten Nebelschwaden blickte, lässt sich nicht beschreiben.

Nach diesem erfolgreichen Aufstieg stand eines fest, ich war süchtig nach mehr.

Kurt lernte ich bei einem Kurs über das AMS kennen. Er war wie ich ein ehemaliger Fernfahrer und wusste wie es auf der Straße abging. Wir trafen uns damalig nur im neuen Jahr um uns Glück, Gesundheit und eine unfallfreie Fahrt zu wünschen. Er erzählte von seinen Abenteuern und Erfahrungen als Kraftfahrer und wie er die letzten Jahre vor seiner Pensionierung verbracht hatte. Auch er hatte eine ungewöhnliche  Lebensgeschichte und ich hörte ihm gebannt zu. Aus unseren Gesprächen ging hervor, dass der Pensionist Wanderer aus Leidenschaft ist. Stolz berichtete ich ihm von meiner ersten "großen Tour" und welches Gefühl mich auf dem Gipfel des Berges ergriffen hatte. Erfreut von meiner Begeisterung über das neue Hobby, verabredeten wir uns kurzerhand Anfang Jänner 2019, für eine Schneewanderung auf die Anlaufalm. 

Es war eine Wohltat mit jemanden aus der Branche über die Vergangenheit sprechen zu können und obwohl der ältere Mann meine Vorgeschichte kannte, las er die beiden Teile meiner Autobiografie "Die Frau im Truck - 60 Kilo auf 40 Tonnen".  Er wusste, dass es viel zu verarbeiten für mich gab und nahm sich die Zeit, mir zuzuhören, während wir durch die verschneite Landschaft marschierten. 

Kurt erkundigte sich, warum ich meine Lebensgeschichte zu Papier gebracht, veröffentlicht und kein Pseudonym benützt hatte. Ich war schon immer ein Mensch gewesen, der zu seinen Taten steht. Wieso sollte ich meine Biografie unter einem falschen Namen veröffentlichen - nur weil es ein paar Szenen im Buch gibt, die nicht jugendfrei sind? In erster Linie war es mir wichtig, dass die Menschen, die in meine Website sehen, die Bücher lesen und meine Lesungen besuchen, den Beruf eines Lastwagenfahrers kennenlernen.

Da der ehemalige Kraftfahrer nie Gelegenheit hatte, an einer Lesung "der Frau im Truck" teilzunehmen, erklärte ich ihm den Ablauf der Veranstaltung. Nach der Vorstellung meiner Person lese ich drei bis vier ausgesuchte Kapiteln aus meinen Büchern. Ich beginne mit Kapitel eins, wie ich auf Stellungssuche ging und dass es damalig nicht so einfach war, als Frau in diese Berufssparte einzusteigen. Mein Wanderkollege nickte bedenklich mit dem Kopf, denn er kannte die Problematik und erzählte mir, dass es auch heute noch die eine oder andere Firma gab, die Vorurteile gegenüber Frauen in Männerberufen hegten. Dennoch, das Wichtigste am erreichen eines Zieles ist, nicht aufzugeben. Lasst euch nicht entmutigen von negativen Beeinflussungen, geht euren Weg und eines Tages wird sich euer Wunsch erfüllen. So war es auch bei mir und nach mehr als über hundert Bewerbungen, fand ich eine Stelle als Kraftfahrerin. Der Anfang war nicht leicht, da es weder eine umfangreiche Einschulung auf das Fahrzeug noch auf den Arbeitsablauf gab. Während ich diese Zeilen schreibe, erinnere ich mich an die erste Tour, als wäre es gestern gewesen.

Mein neuer Dienstgeber wies mich an, am Sonntag um 22.00 Uhr mit einer Ladung Schnittholz, Richtung Deutschland zu fahren. Als ich auf den Parkplatz kam und mein neues Dienstfahrzeug sah, war die Freude unermesslich.

Bevor ich meinen Pkw an der Seite abstellte, öffnete ich die Tür vom Lastwagen und hievte mein Gepäck auf den Fahrersitz. Über das schlechte Wetter machte ich mir im Moment keine Sorgen, obwohl es wie verrückt schneite. Bevor ich das Bett überzog, startete ich den Lastwagen. Dann setzte ich mich auf den Sitz, vor mir das riesige Lenkrad. Jetzt wurde es ernst. Trotz mehrmaligen zwischenkuppeln und Zwischengas geben, ließ sich der Gang nicht einlegen. Ich weinte selten, aber diesmal war ich den Tränen nahe. Selbstzweifel ergriffen mich, war ich wirklich geeignet für diesen Job? Ich wollte nicht versagen und versuchte es weiter, bis es mir endlich gelang, den Schalthebel in die richtige Position zu bringen. Vor Aufregung über den geglückten Versuch, konnte ich in den zweiten Gang schalten und mit überhöhter Drehzahl kroch ich bis zur Ampelkreuzung, in Richtung Autobahn.

In dieser Woche lernte ich einigens über den Beruf eines Kraftfahrers kennen und wie hart das Leben auf der Straße sein konnte. Ich fuhr meinem Ziel entgegen, obwohl ich weder das Fahrzeug richtig schalten, noch Straßenkarten lesen oder Schneeketten legen konnte. Die ersten Kilometer bis zur Grenze, war es mir nur möglich raufschalten und so musste ich etliche Male den Pannenstreifen ansteuern, um wieder von vorne beginnen zu können. Ich wollte nicht von den anderen Lastwagenfahrern als Frau erkannt werden, deshalb zog ich den Vorhang in die Seitenscheibe, sodass sie mich nicht sahen, denn die Kommentare über Funk über mein Fahrverhalten waren alles andere als schmeichelhaft. Bis über die Passauer Grenze ging alles gut, weil es auf dieser Strecke kein Autobahnkreuz gab. Erst beim Knoten Nürnberg kam ich ins straucheln und fuhr falsch ab. Ermüdet von der aufregenden Fahrt, bemerkte ich erst nach etwa 80 Kilometer, dass ich falsch abgebogen war. Bei der nächsten Gelegenheit lenkte ich meinen 38 Tonner von der Autobahn und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich nicht auf der anderen Seite wieder auffahren konnte. Langsam fuhr ich die Straße entlang, aufgeregt suchend nach einer Hinweistafel zur nächsten Autobahnauffahrt. Stattdessen vor mir der steile Berg......

Damalig war es generell nicht üblich, dass Fahranfänger großartig eingeschult wurden. Im Gegensatz zur heutigen Zeit. Zusätzlich zum Führerschein, müssen die Anwärter für den Lastwagen- oder Autobusführerschein 5 Module (Recht, Ecco-und Fahrsicherheitstraining, Ladungssicherung, Gesundheit und Ergonomie) mit abschließender Prüfung absolvieren, um die Lenkerberechtigung zu erhalten.

Viele Menschen, unteranderem auch meine Familie, konnten nicht glauben, dass ich länger als ein Monat als Kraftfahrerin durchhalten würde. Rückblickend sind dann doch mehr als zwanzig Jahre daraus geworden.

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
© Die Frau im Truck - 60 Kilo auf 40 Tonnen